Das Aussehen einer Figur beschreiben
„Sie war groß, hatte schulterlanges braunes Haar und grüne Augen.“ Solche Sätze stehen in fast jeder Rohfassung, und sie haben einen genauen Fehler: Zehn Seiten später erinnert sich kein Leser mehr an die Augenfarbe. Die Liste informiert, aber sie lässt nicht sehen. Das Aussehen einer Figur zu beschreiben ist eine Frage der Auswahl, nicht der Vollständigkeit.
Warum die Liste nicht funktioniert
Leser bauen ein Bild nicht auf, indem sie Daten addieren. Sie lesen „braunes Haar, grüne Augen, eins siebzig“ und speichern allgemeine Informationen, die auf Millionen Menschen zutreffen. Das Bild entsteht vielmehr aus einem bestimmten Detail, das diesen Menschen von allen anderen unterscheidet.
Wenige Merkmale, gut gewählt
Zwei oder drei Elemente reichen, wenn sie unverwechselbar sind:
- eine Narbe in der Augenbraue, die sich beim Sprechen bewegt;
- Hände, die zu groß für den Rest des Körpers sind;
- ein Mantel zwei Nummern zu groß, immer derselbe;
- die Art, auf der Stuhlkante zu sitzen, bereit aufzustehen.
Den Rest ergänzen die Leser selbst, und das Bild, das sie sich machen, ist lebendiger als jede vollständige Beschreibung.
Merkmale, die erzählen
Die wirkungsvollsten Details sagen etwas über die Figur, nicht nur über ihr Aussehen. Bis aufs Fleisch abgekaute Nägel erzählen von Angst. Teure, aber abgetragene Schuhe erzählen von besseren Zeiten. Ein perfekt gebügelter Anzug an einem glühend heißen Tag erzählt von Kontrolle.
Wenn du ein Merkmal wählst, frag dich: Was verrät es über diesen Menschen?
In Bewegung, nicht in Pose
Eine Figur, beschrieben wie auf einem Passfoto, wirkt starr. Dasselbe Merkmal, gezeigt, während sie etwas tut, wird lebendig:
Er schob sich die Brille mit dem Handrücken auf die Nase, eine Geste, die er seit dreißig Jahren machen musste.
Die Geste beschreibt das Aussehen und zugleich Gewohnheit und Alter.
Der Blick des Beobachters
In einem Roman geht das Aussehen einer Figur immer durch die Augen von jemandem. Und wer schaut, bemerkt Unterschiedliches: Ein Schneider sieht die Kleidung, eine Mutter sieht, ob der Sohn gegessen hat, ein Polizist sieht die Hände. Den Blick der Perspektivfigur zu nutzen, macht die Beschreibung natürlich und verrät auch, wer da schaut.
Aus demselben Grund beschreibt die Perspektivfigur sich selten selbst. Der Trick mit dem Spiegel ist so verbreitet, dass er zum Klischee geworden ist.
Wann beschreiben
Der erste Auftritt ist der natürliche Moment für die wichtigsten Merkmale: Leser machen sich früh ein Bild, und es später zu ändern, stört. Enthüllst du in der Mitte des Buches, dass die Figur einen dichten Vollbart trägt, fühlt sich der Leser, der sie glattrasiert vor sich sah, betrogen. In späteren Kapiteln genügt es, das unverwechselbare Merkmal ab und zu aufzugreifen, um es lebendig zu halten.
Häufig gestellte Fragen
Muss ich das Aussehen der Figuren immer beschreiben?
Nein. Manche Autorinnen und Autoren tun es sehr wenig und überlassen fast alles den Lesern. Beschreiben lohnt sich, wenn es für die Geschichte oder das Verständnis der Figur zählt, und wenn die Leser sie sich sonst anders vorstellen würden, als es später passt.
Wie halte ich körperliche Details in einem langen Roman stimmig?
Indem du sie notierst, sobald du sie schreibst: Augenfarbe, Narben, Größe, Alter. Genau solche Details vergisst man beim Schreiben, und aufmerksame Leser bemerken sie sofort.
Wie beschreibe ich eine sehr schöne Figur ohne Klischees?
Indem du die Wirkung auf andere zeigst, statt ihre Vorzüge aufzuzählen: Menschen, die sich umdrehen, jemand, der beim Sprechen mit ihr ungeschickt wird. Schönheit, die über Reaktionen erzählt wird, ist glaubwürdiger als behauptete Schönheit.