Middle Grade oder Young Adult: die Wahl
Wer sein erstes Kinder- oder Jugendbuch schreibt, wählt die Altersgruppe oft nur danach, welches Lesealter erreicht werden soll – ohne zu bedenken, dass Middle Grade und Young Adult zwei erzählerische Formen mit eigenen Regeln sind, nicht dieselbe Geschichte, nur mehr oder weniger vereinfacht erzählt.
Das Alter der Hauptfigur ist kein Detail, sondern ein Kompass
Eine verbreitete Faustregel im Kinder- und Jugendbuchverlagswesen besagt, dass Leserinnen und Leser Hauptfiguren bevorzugen, die etwas älter sind als sie selbst. Eine Hauptfigur von zehn bis zwölf Jahren signalisiert Middle Grade; eine Hauptfigur von fünfzehn bis achtzehn Jahren signalisiert Young Adult. Das ist kein absolutes Gesetz, aber ein Anhaltspunkt, den die Leserschaft – und wer ein Manuskript beurteilt – instinktiv schon ab den ersten Seiten zur Orientierung nutzt.
Die behandelbaren Themen ändern sich, nicht nur die Sprache
Middle Grade kann schwierige Themen behandeln – Verlust, Angst, Ungerechtigkeit –, tut das aber aus einer geschützteren Perspektive, oft mit einer Auflösung, die der Leserschaft wieder Sicherheit gibt. Young Adult kann sich in unbequemere Bereiche vorwagen – explizite Liebesbeziehungen, Gewalt, moralisch zweideutige Entscheidungen – mit einer Freiheit, die sich Middle Grade nicht nimmt. Der Unterschied liegt nicht darin, „wie schwierig das Vokabular ist", sondern darin, wie viel Verantwortung das Buch übernimmt, die Leserschaft durch das Thema zu führen.
Die Komplexität der Handlung folgt der Altersgruppe, nicht umgekehrt
Ein Middle-Grade-Roman tendiert zu einer linearen Handlung mit einem klaren Ziel und einer begrenzten Zahl an Nebenhandlungen. Young Adult verträgt – ja verlangt oft – mehrere Nebenhandlungen, moralische Zweideutigkeiten, eine dichtere Verstrickung. Eine Handlung so komplex wie bei Young Adult in ein für Middle Grade gedachtes Buch zu schreiben, riskiert, die jüngere Leserschaft zu verlieren, nicht sie zu beeindrucken.
Die Erzählstimme darf nicht klingen wie ein Erwachsener, der ein Kind imitiert
Der häufigste Fehler bei denen, die zum ersten Mal für diese Altersgruppe schreiben, ist eine Stimme zu konstruieren, die ein Erwachsener für „jugendlich" hält, voller Ausdrücke, die kein echtes Kind je verwenden würde. Eine glaubwürdige Stimme entsteht aus echter Beobachtung – daraus, wie Kinder dieses Alters wirklich sprechen zu hören, nicht daraus, wie man sich vorstellt, dass sie sprechen – und nicht aus einem am Schreibtisch konstruierten Register.
Das Buch während des gesamten Schreibprozesses konsistent zur gewählten Altersgruppe halten
Die Altersgruppe am Anfang festzulegen reicht nicht, wenn das Buch dann Kapitel für Kapitel zu Themen oder einer Komplexität abdriftet, die nicht mehr dazu passen. Eine sichtbare Struktur des ganzen Buches, Kapitel für Kapitel, hilft dabei, diese Konsistenz schon während des Schreibens zu kontrollieren, nicht erst am Ende des Entwurfs – einer der Gründe, warum eine umsortierbare Struktur wie die von NovLore Kinder- und Jugendbuchautorinnen und -autoren genauso hilft wie denen, die für Erwachsene schreiben.
Häufig gestellte Fragen
Kann ich ein Buch schreiben, das zwischen Middle Grade und Young Adult liegt?
Dieser Bereich wird manchmal „Upper Middle Grade" oder „Young YA" genannt, ist aber verlagstechnisch riskantes Terrain: Viele Verlage bevorzugen eine klare Positionierung. Es lohnt sich, diese Zwischenzone zu kennen, sich aber nicht als bequeme Ausrede darauf zu verlassen, um einer Entscheidung auszuweichen.
Begrenzt die Altersgruppe auch die Länge des Buches?
Ja, tendenziell: Middle-Grade-Romane sind meist kürzer als Young-Adult-Romane, auch wenn es in beide Richtungen deutliche Ausnahmen gibt. Die typische Länge ist eher ein Marktindikator als eine feste Regel.
Muss ich die Altersgruppe festlegen, bevor ich zu schreiben beginne?
Es wird dringend empfohlen, denn die Altersgruppe beeinflusst tiefgreifende strukturelle Entscheidungen – Stimme, Themen, Komplexität –, die mitten im Entwurf viel schwerer zu ändern sind, als sie gleich zu Beginn festzulegen.