Zeichensetzung als Mittel des Tempos

· Roberto Sirolo · 4 Min. Lesezeit

Viele denken bei Zeichensetzung an eine Reihe von Regeln, die einzuhalten sind, um keine Fehler zu machen. Das stimmt, aber es ist nur die Hälfte des Bildes: Zeichensetzung ist auch ein Ausdrucksmittel, die direkteste Art, dem Leser zu sagen, wann er verlangsamen, wann anhalten, wann den Atem anhalten soll. Wer gut schreibt, nutzt sie, wie ein Musiker Pausen nutzt.

Das Komma ist ein Atemzug

Das Komma ist die kürzeste Pause: Der Leser verlangsamt einen Augenblick und setzt wieder an. Eines mehr oder weniger zu setzen ändert den Rhythmus eines Satzes, auch wenn die Grammatik beide Versionen zulässt. „Sie drehte sich um und sah ihn an" läuft; „Sie drehte sich um, und sah ihn an" hat einen kleinen Schwebemoment in der Mitte.

Der entgegengesetzte Fehler ist der Satz ohne Kommata über ganze Zeilen: Der Leser gerät in Atemnot und muss noch einmal lesen, um zu verstehen, wo ein Gedanke endete und der nächste begann.

Der Punkt ist ein Schlag

Der Punkt ist die volle Pause. Jeder Punkt ist ein kleiner Halt, und die Häufigkeit der Punkte diktiert die Geschwindigkeit eines Absatzes. Einen langen Satz in drei kurze zu brechen, mit Punkten dort, wo Kommata standen, beschleunigt und gibt jedem Stück Nachdruck.

Der Punkt nach wenigen Wörtern — ein minimaler Satz, manchmal ein einziges Wort — ist einer der stärksten verfügbaren Effekte. Er wirkt gerade, weil er selten ist: Ist jeder Satz minimal, verschwindet der Effekt.

Der Gedankenstrich, der Doppelpunkt, der Strichpunkt

Der Gedankenstrich („—") markiert einen Einbruch: ein Gedanke, der den Satz bricht, ein Einschub, stärker als der zwischen Kommata, ein plötzlicher Richtungswechsel. Er gibt Energie, aber ebendarum ermüdet er, wenn er in jeder Zeile erscheint.

Der Doppelpunkt öffnet auf etwas: eine Erklärung, eine Aufzählung, eine Enthüllung. Er schafft einen Moment der Erwartung — „gleich kommt etwas" — und löst ihn dann auf.

Der Strichpunkt verbindet zwei Sätze, die allein stehen könnten, deren Sinn aber verbunden ist. Es ist das formellste und am meisten vernachlässigte Zeichen; gut genutzt gibt es der Prosa einen langen, kontrollierten Atem.

Der verblose Satz

Der Nominalsatz — ohne Verb, manchmal ein einziges Nomen oder Adjektiv — ist ebenso Zeichensetzung wie Syntax: „Dunkelheit. Dann ein Licht am Ende des Flurs." Er verlangsamt und isoliert ein Bild. Er wirkt in Momenten der Wahrnehmung, wenn die Figur die Welt in Fragmenten aufnimmt. Wie alle starken Effekte muss er dosiert werden.

Die Übertreibungen, die auffallen: Gedankenstrich, Auslassungspunkte, Ausrufezeichen

Drei Zeichen verraten fast immer noch nicht ausgereifte Prosa, wenn es zu viele sind. Der Gedankenstrich statt jedes Kommas und jeder Klammer, bis der ganze Text ruckartig läuft. Die Auslassungspunkte am Ende jeder Dialogzeile, als verlöre sich jeder Satz im Nichts. Das Ausrufezeichen, das jenseits des ersten oder der zwei pro Szene aufhört zu betonen und hysterisch zu klingen beginnt. In der Überarbeitung sind diese drei zu zählen und zu reduzieren.

Die Zeichensetzung hört man in der Korrekturphase

Die Tempo-Zeichensetzung richtet man im Stilüberarbeitungsdurchgang, laut lesend: Da hört man, wo ein Komma zum Atmen fehlt, wo ein Strichpunkt besser trägt als ein Punkt, wo die Gedankenstriche zu viele sind. In NovLore friert die Versionsgeschichte das Kapitel vor dem Eingriff ein, sodass du einen Absatz für den Rhythmus neu setzen und mit der vorigen Version vergleichen kannst, die laut besser lesbare behalten.

Häufig gestellte Fragen

Gilt der Strichpunkt in der Belletristik als veraltet?

Manche Autoren meiden ihn aus stilistischer Wahl, andere nutzen ihn viel. Er ist nicht veraltet: Er ist nur ein Zeichen, das genauen Gebrauch verlangt. Weißt du nicht recht, wann er nötig ist, kannst du ihn oft durch einen Punkt ersetzen, ohne etwas zu verlieren — aber wenn er wirklich nötig ist, tut kein anderes Zeichen dieselbe Arbeit.

Wie viele Ausrufezeichen sind zu viele?

In der Belletristik, im Anteil des Erzählers, fast keine: Nachdruck wird mit Wörtern gebaut, nicht mit dem Zeichen. In Dialogen sind sie erlaubt, aber mit Maß: eines oder zwei pro Szene. Eine Seite mit fünf Ausrufezeichen vermittelt die Angst des Autors, nicht die Intensität der Figuren.

Kann ich den Gedankenstrich statt Klammern nutzen?

Ja, und das ist üblich: Der Gedankenstrich hält den Einschub mehr im Fluss des Satzes, die Klammer stellt ihn mehr beiseite, fast im Flüsterton. Zwei verschiedene Töne. Das Problem ist, nur Gedankenstriche für jede Art Pause zu nutzen: Vielfalt der Zeichen ist Vielfalt des Rhythmus.

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